Zur Kapitalimus-Kritik der Naomi Klein

Naomi Klein ist so etwas wie der derzeitige shooting star der degrowth-Bewegung. Der Titel ihres neuen Buches verspricht einiges: „Die Entscheidung. Kapital vs. Klima“. Klärt Naomi Klein hier also endlich die so entscheidende Frage, ob Klimagerechtigkeit und Kapitalismus zusammen gehen? In diesem Beitrag diskutiere ich ihre in den „Blättern“ (5’15)1 abgedruckte democracy lecture, in der sie die Thesen ihres Buches2 prägnant zusammenfasst.

Kapitalismus oder Neoliberalismus?

Die Frage, auf die ich hier die Antwort suche ist die, ob Kapitalismus und Klimagerechtigkeit grundsätzlich unvereinbar sind, oder ob das Problem eine spezifische neoliberale Spielart des Kapitalismus darstellt. Wäre letzteres der Fall, dann ließen sich quasi Kapitalimus und Klima gemeinsam retten: Durch einen (wieder) stärker regulierten Kapitalismus keynesianischer Prägung mit starken staatlichen Sektoren, insbesondere im Bereich der öffentlichen Grundversorgung (Wasser, Strom, Gas, ÖPNV etc.). Wenn aber alle Spielarten des Kapitalismus zu Extraktivismus und Klimakatastrophe führten, dann müssten die politischen Konsequenzen sehr viel radikaler ausfallen. Wie sieht nun Naomi Kleins Antwort aus? Continue reading

Arbeit – ein modernes Heilsversprechen

Der folgende Text ist in der Pilot-Ausgabe des transform-Magazins erschienen, das ich euch hiermit sehr ans Herz legen möchte! Vorbestellungen sind noch möglich.

„Vermögensberatung ist für mich Berufung und Leidenschaft zugleich. Ich helfe den Menschen in Deutschland, ihre finanziellen Ziele zu verwirklichen und fürs Alter vorzusorgen. Damit nehme ich sowohl gesellschaftliche als auch soziale Verantwortung wahr. Das ist es, was mich antreibt. Und Sie?“

Schöner, als in diesem Statement des Vermögensberaters André Knies in einer Werbeanzeige der Deutschen Vermögensberatung (die mit der kostenlosen BILD-Zeitung zum 9. November 41 Millionen mal verteilt wurde), lässt sich die moderne Erzählung von Arbeit nicht auf den Punkt bringen. Danach hat Arbeit eine individuell und eine kollektiv positive Seite, und beide ergänzen sich im Idealfall perfekt. Für André Knies ist Arbeit individuelle Selbstverwirklichung pur: Berufung und Leidenschaft. Und diese Erfüllung in seiner Arbeit speist sich eben auch aus dem Wissen, mit der Arbeit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Er ist überzeugt, gesellschaftliche und soziale Verantwortung wahrzunehmen.

Tatsächlich kann diese Geschichte als Meistererzählung verstanden werden, die heute über alle politischen Lager hinweg geglaubt wird. Continue reading

Anständige Arbeit, Leistungsgerechtigkeit und dekadente Erben

In ihrem jüngsten Essay im ZEIT-Magazin (11/2015) diskutiert Julia Friedrich die Ungerechtigkeit von Erbschaften. Erbschaften erhöhten, so Friedrich, die soziale Ungleichheit, unterminierten Chancengleichheit und seien gleichzeitig eine schwere Bürde für die Erben, die mit dem unverdienten Geld nicht umgehen könnten, faul und dekadent werden würden. Jens Jessen dekonstruiert Friedrichs Essay in DIE ZEIT (vom 19.3., S. 26) und schlussfolgert aus seinen Überlegungen, dass Erbschaften ganz im Gegenteil die Gesellschaft sogar humaner machten. Beide haben unrecht.

Warum findet Julia Friedrich Erbschaften so himmelschreiend ungerecht? Weil diese nicht auf eigener Leistung und ehrlicher Arbeit beruhten und somit unverdient seien. Friedrich reproduziert damit in ihrem Essay die moderne Erzählung von Leistungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und ehrlicher Arbeit. Dies geschieht durch eine Vielzahl von Zitaten von nicht-Erben (aber auch Erben!), die allesamt der Meinung sind, dass jeder und jede sich den eigenen Wohlstand legitimerweise nur durch anständige, harte Arbeit verdienen dürfe. Continue reading

Quantitative Sozialforschung und soziale Kontrolle

Als Wolfgang Streeck 1966 begann Soziologie zu studieren, sah er — wie seither unzählige Studierende — sein Fach als mehr oder weniger wissenschaftliche Anleitung zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse (Streeck 2015).1 Die Idee ist einfach: wenn wir die Ursachen von gesellschaftlich unerwünschten Zuständen kennen, so lassen sich diese politisch verändern und die Gesellschaft so „verbessern“. Erkenntnistheoretisch ist es selbstverständlich naiv, die Gesellschaft als passiven Gegenstand zu betrachten, der in Kausalmodellen beschrieben und durch das Anziehen der richtigen Stellschrauben in die gewünschte Richtung bewegt werden kann. Die Soziologie weiß das nur allzu gut, hat sich diese Disziplin doch so intensiv wie keine andere mit der Steuerungsfähigkeit von Gesellschaften auseinander gesetzt. Leider scheint dieses Wissen heute zunehmend verschüttet zu gehen. Ich vermute, dass dies mit der Zunahme von hochspezialisierten Disziplinen zusammenhängt, die aus den Naturwissenschaften kommen, von einem positivistischen Wissenschaftsverständnis ausgehend mit scheinbar „exakten“ mathematischen Modellen arbeiten und dabei auf die Veränderung der Gesellschaft zielen. Schon alt ist dabei die Anwendung neoklassisch-ökonomischer Modelle auf soziale Probleme, wie es in der Bildungs-, Umwelt- und Familienökonomik gang und gebe ist. Vor dem Hintergrund des Klimawandels kommen dazu neuerdings Umwelt- und Klimawissenschaften, die sich aus den Naturwissenschaften heraus entwickelt haben, sich häufig als eine Art Ingenieurswissenschaft gebären und hoffen, die drohende Umweltkatastrophe durch geeignete (Sozial-)Technologien und umweltgerechte Verhaltenssteuerung abwenden zu können.

Ich will dieses Problem hier am Beispiel eines populären Teilgebiets meiner eigenen Disziplin — der Soziologie — diskutieren: der modernen quantitativ-empirischen Sozialforschung, die bevorzugt mediale und politische Aufmerksamkeit bekommt. Continue reading

Die Biene im modernen Kapitalismus

Wer wissen will, wie unser Wirtschaftssystem und gesellschaftlicher Fortschritt funktioniert (oder besser: der vorherrschenden Ideologie entsprechend funktionieren sollte), der muss nicht in Ökonomie-Lehrbücher schauen. Manchmal reicht es, ein beliebiges naturwissenschaftliches Sachbuch zur Hand zu nehmen. Beispielsweise das Buch „Phänomen Honigbiene“ des Würzburger Bienenforschers Prof. Jürgen Tautz. Ob Herrn Prof. Tautz bewusst ist, welche Geschichten er in seinem Bienen-Buch reproduziert? Egal, die Lektüre ist für den ideologiekritisch geschulten Blick jedenfalls die reinste Freude. Ich will sie euch nicht vorenthalten.

(alle folgenden Zitate stammen aus Kapitel 3: „Die Honigbiene — ein Erfolgsmodell“, Seitenzahlen in Klammern)

Es gab einmal eine — offensichtlich höchst rückschrittliche — Zeit, in der sich die Blumen nicht anders zu helfen wussten, als sich über den Wind bestäuben zu lassen. Ein „eher unökonomisches Unterfangen“ (55). Doch dann kam, wie es historisch fast immer ist, der „Fortschritt“, der zu verzeichnen war als die Insekten begannen, die Blüten zu bestäuben (55) und der noch weiter ging, als die Bienen diese Aufgabe monopolisierten (57). Denn „kein anderer Bestäuber ist so wirkungsvoll wie die Honigbiene“ (57), die ihre Kräfte „optimal im Feld verteilt“ (65). Wie kam es zu diesem Fortschritt?

Versuchen wir die Fortschrittserzählung anhand der Ausführungen von Prof. Tautz zu rekonstruieren. Als die Blumen merkten, dass sie sich effizienter durch Insekten als durch den Wind bestäuben lassen konnten, herrschte zunächst eine wilde Konkurrenzsituation auf dem Markt vor (56). „Das Bestäubungssystem der Blütenpflanzen hat eine Abhängigkeit zwischen Insekten und Blütenpflanzen hervorgebracht, bei der die Insekten wie auf einem Jahrmarkt zwischen den unterschiedlichen Anbietern wählen können und in der die Pflanzen um ihre Kunden, die blütenbesuchenden Insekten, konkurrieren. Dabei unterscheiden sich die Pflanzen als Anbieter in der Qualität und der Menge an Nektar, der den Besuchern angeboten wird, und auch die Polleninhaltsstoffe variieren von Pflanze zu Pflanze.“ (56) Continue reading

Workshop: „Wachstum ohne Alternativen? Geschichtskulturelle und wissensgeschichtliche Dimensionen von Wachstumsnarrativen“

Dies ist der Tagungsbericht zu einem äußerst spannendem Workshop am MPI für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, an dem ich am 6./7.11. teilgenommen habe. Er ist soeben bei HSozKult veröffentlicht worden.

Veranstalter: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Forschungsgruppe „Eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt im 20. Jahrhundert“
Datum, Ort: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, 06. und 07. November 2014

Tagungsbericht

Wirtschaftliches Wachstum wird heute als Patentlösung der meisten gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Probleme angesehen. Ob es sich um Arbeitslosigkeit, Armut, die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates oder Staatsverschuldung handelt, ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) scheint alternativlos. Gleichzeitig mehren sich wachstumskritische Stimmen. So nahmen an der Anfang September in Leipzig ausgerichteten 4. degrowth-Konferenz über 3000 Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen teil, die alle die Vorstellung einte, dass das moderne Wachstumsparadigma ein Teil des Problems und nicht der Lösung darstellt.

In einem von Veronika Lipphardt (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin), Martin Lücke (Freie Universität Berlin) und Birger Priddat (Universität Witten/Herdecke) veranstalteten interdisziplinären Workshop wurde nun gefragt, wie der Wunsch nach stetigem Wachstum zu einer so mächtigen Leitidee werden konnte. Continue reading

Arbeit und Wachstum — begriffsgeschichtliche Hintergründe

Die derzeitige Organisation der Erwerbsarbeit ist ein Wachstumsmotor. Ich meine damit mehr, als dass Politiker wirtschaftliches Wachstum heute als einzige Möglichkeit auffassen, dem Problem der Massenarbeitslosigkeit zu begegnen. Diese These möchte ich nach und nach konkretisieren. In diesem Beitrag zunächst einige begriffsgeschichtliche Überlegungen die zeigen, wie Arbeit seit Adam Smith einen Begriff darstellt, der eng mit linearem Fortschritts- und Wachstumsglauben verbunden ist. Dabei orientiere ich mich stark an der Begriffsgeschichte von Werner Conze (1972), die Andrea Komlosy kürzlich als „eurozentristische Meistererzählung“ bezeichnet hat, der niemand entkommen könne, der zu Arbeit forsche (Komlosy 2014: 12).

Der Arbeitsbegriff vor der Aufklärung

In dem Weltbild dieser Zeit war für linearen Fortschritts- und Wachstumsglauben wenig Platz. Das gilt daher auch für den Begriff der Arbeit, und das liegt nicht an der Arbeitsverachtung der griechischen Antike, die — mehr oder weniger stark — bis in die Moderne immer wieder durchscheint und in grundsätzlicher Spannung zum christlichen Arbeitsbegriff steht. Denn bereits im frühen Christentum bekommt Arbeit eine positive Konnotation als „Dienst an Gott“. Mit dem Fluch Gottes und der Austreibung aus dem Paradies wird Arbeit zwar zur Mühsal da der Acker verflucht wurde („So soll nun der Acker verflucht sein um deinetwillen; unter Mühsal sollst du dich von ihm nähren“ (1. Buch Mose, 3, 17–19, zitiert nach Conze 1972)), aber gleichzeitig ruht der Segen auf der unter Entbehrungen verrichteten Arbeit: Arbeit ist Erfüllung, bringt Ehre und innere Würde — wenn sie im Gebet verrichtet wird. Dies ist die gemeinsame Grundlage des christlichen Arbeitsbegriffes, der ansonsten durchaus variierte.

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Marktradikaler Ultranationalismus — zur Ideologie der „Alternative für Deutschland“

Nicht erst seit den spektakulären Wahlerfolgen bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg wird intensiv darüber diskutiert, ob es sich bei der „Alternative für Deutschland“ (AfD) um eine rechtsextreme, eine rechtspopulistische oder „nur“ eine Partei rechts von der CDU handelt. Ich möchte mich hier etwas genauer mit der Ideologie dieser neuen Partei auseinandersetzen. Ich argumentiere dabei, dass die Ideologie der AfD nur im Zusammenspiel von Marktradikalismus und Ultranationalismus verstanden werden kann. Dabei geht es mir hier insbesondere darum, den ideologischen Überbau dieser Partei theoretisch darzulegen und weniger um den empirischen Nachweis, der an anderer Stelle geleistet werden muss (für meine empirischen Aussagen beziehe ich mich insbesondere auf Häusler 2013).

In den Medien wird oft die euro- und europakritische Haltung der AfD als Beleg für ihre „Rechtslastigkeit“ herangezogen. Eine solche Schlussfolgerung greift natürlich zu kurz, Europaskeptizismus alleine macht noch keine rechte Partei aus (vgl. Häusler 2013, 91). Dasselbe gilt für andere Merkmale wie Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus, Autoritarismus etc., die häufig bei rechten Parteien zu finden sind: erst in ihrem spezifischen Zusammenspiel machen sie ein extrem rechtes Weltbild aus. Es gilt also die Ideologie einer Partei oder Bewegung als Ganzes (und nicht einzelne Versatzstücke) in den Blick zu nehmen. Continue reading

Sozialwissenschaftliche Kategorien III

Die 4. degrowth-Konferenz letzte Woche in Leipzig war ein großer Erfolg, und das Wachstum der Postwachstums-Konferenz auf 3000 Teilnehmer_innen beeindruckend… Der folgende Beitrag spiegelt einige meiner inhaltlichen Überlegungen nach der Konferenz wieder.

Ich möchte hier ein auf der Konferenz stark vertretenes und für mich zentrales Thema — die feministische Kritik an der gegenwärtigen ökonomischen Theorie und Praxis — aufgreifen und weitergehend diskutieren. Ich halte die hier darzustellende Kritik für absolut zentral, bin mir aber nach wie vor sehr unsicher, welche Schlussfolgerungen im Hinblick auf die politische Praxis zu ziehen sind.

Die Kritik: “Externalisierung als Prinzip”

Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister (2010) machen ihre Kritik primär am Begriffsapparat der ökonomischen Theorie fest. Um es hier verkürzt, und möglicherweise nicht ganz korrekt wiederzugeben: Produktivität in der ökonomischen Theorie findet sich, wenn Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital) zur Herstellung von Gütern für den Markt verwendet werden. Dabei ist es unerheblich, ob alle Produktionsfaktoren betrachtet werden, oder — wie bei Marx — nur Arbeit als produktiv angesehen wird. Entscheidend ist, dass Güter in Betrieben produziert um dann auf dem Markt gehandelt zu werden (insofern trifft die Kritik auch auf marxistische Ökonomen zu). Die Produktionsfaktoren (im Folgenden beschränke ich mich auf den Produktionsfaktor Arbeit, bzw. heute: Humankapital) werden entsprechend ihrer Produktivität entlohnt, beispielsweise durch unterschiedlich hohe Löhne und Gehälter. Diese Entlohnung hat nun gleichzeitig eine nicht zu unterschätzende soziale Komponente: durch die Entlohnung (und andere Belohnungssysteme wie Dienstwagen, Karrieremöglichkeiten etc.) wird die produktive Arbeit im Betrieb permanent in-Wert-gesetzt: Über das monatliche Gehalt auf unserem Konto können wir uns und andere vergewissern, dass wir einer wichtigen und gesellschaftlich notwendigen Arbeit nachgehen.
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Abwesenheit

Entschuldigung. Ich war mir sicher, diese Notiz schon vor Monaten geschrieben zu haben.

Ich bin bis September auf Reisen und beschäftige mich mit allem Möglichen, nur nicht mit Wissenschaft. Deswegen passiert hier einige Monate nichts. Ab mitte September geht es dann weiter, bestimmt auch mit Berichten von der degrowth-Conference in Leipzig.

Jan