Die Grünen und der Veggie-Day

Die Grünen diskutieren weiter über ihren Freiheitsbegriff und versuchen das Wahlkampfdesaster „Veggie-Day“, also die Idee eines fleischfreien Tages in Kantinen, zu verdauen. Mir erscheint das als gute Gelegenheit, hier einen Artikel zu posten, den ich vor vielen Jahren für ein Leipziger Studierendenmagazin anlässlich des ersten fleischfreien Tages in der Mensa geschrieben habe. Die damalige Diskussion (Winter 2010) erinnert äußerst stark an die bundesweite Wahlkampf-Diskussion zum Vorschlag der Grünen, einen Veggie-Day einzuführen. Die folgende Analyse ist daher weiterhin hochaktuell.

Übrigens (das steht im folgenden Artikel nicht): Der Veggie-Tag war ein riesiger Erfolg. Es wurden nicht weniger Essen verkauft als sonst, dagegen war die Protestaktion der Juristen (der Plan vor der Mensa 1000 Würstchen zu verkaufen) ein großer Flop. Wir waren mit viel Info-Material vor Ort und ich habe in der Mensa selten so gute Gespräche verfolgt. Die allermeisten fanden die Sache gut; dagegen war nur eine kleine Minderheit — aber die hat ganz schön laut geschrien. Kurz: Ich bin sehr überzeugt von der Idee. Ob aber so etwas auf die Bundesebene gehört, ist eine andere Frage.

 

Mensapolicy und Veggie-Day: Gesellschaftliche Verantwortung oder ideologisches Diktat? (Erschienen in StuRaktiv, 19.2.2011)

Spätestens seit der Verabschiedung der Mensapolicy in der Sitzung des StudentInnenRates am 1. Juli 2008 wird das Angebot der Leipziger Mensen und Cafeterien in der Studentenschaft intensiv diskutiert. Mit der Mensapolicy fordert der StuRa, dass das Studentenwerk im Einkauf soziale und ökologische Kriterien berücksichtigen solle. Die (behutsamen) Veränderungen entgehen dem aufmerksamen Studierenden nicht: Einige Nudelsoßen sind jetzt als vegan markiert, der Fisch ist zertifiziert, es gibt eine Bio-Komponente, an der Aktionstheke wurden vegane Wochen veranstaltet, Kaffee, Tee und Schokolade tragen das Fairtrade-Siegel und: Am 9.12. veranstaltete die Mensa am Park einen komplett vegetarischen Tag (Veggie-Day).

Einige Tage vor dem Veggie-Day wurde plötzlich dazu aufgerufen, eine Petition gegen diesen zu unterzeichnen. Der Veggie-Day beinhalte einen “Empfehlungszwang”, kritisieren die Initiatoren. Einige wenige würden ihre vegetarische Lebensweise der Mehrheit aufzwingen wollen, was entscheidend den Bedürfnissen der Mehrheit zuwider laufe. Die in der Petition genannten und in der Diskussion ausgetauschten Argumente erinnern sehr stark an die Diskussion um die Mensapolicy im Sommer 2008. So breit die Unterstützung der Mensapolicy am Ende ausfiel, so heftig war die Diskussion im Vorfeld. Ein kleiner Teil des StuRa protestierte derart vehement, als solle morgen das Recht auf freie Meinungsäußerung abgeschafft werden. Ihren Aufhänger hatten die Gegner der Mensapolicy in der Forderung nach “einem Ausbau des vegetarischen Angebotes” gefunden. Hier würde eine “Ideologie zum Diktat” erklärt werden. Dabei vertrete der StuRa in keinster Weise die Mehrheit der Studierenden, durch die Policy würde lediglich das Bild des StuRa als “Laberversammlung langzotteliger körnerfressender linker Ökospinner” zementiert werden.

Damals verärgert und in die Diskussion verstrickt kann ich heute – mit einigen Jahren Abstand – die Diskussion sachlicher interpretieren. Ich will daher an dieser Stelle nicht Position für die eine oder andere Seite beziehen, sondern fragen, warum die Mensapolicy und darin insbesondere die Förderung fleischloser Ernährung derart massive Gegenreaktionen auslöste und immer noch auslöst. Daran schließe ich einige Überlegungen zum Umgang mit dem Konflikt an.

Zunächst ist es notwendig, die Argumente beider Seiten zu rekonstruieren. Trotz des umfangreichen empirischen Diskussionsmaterials lassen sich die Hauptargumente sehr kurz darstellen. Die Befürworter der Mensapolicy verfolgen eine “Strategie der guten Gründe”. Sie sind bemüht zu zeigen, warum (bleiben wir beim polarisierendsten Punkt) eine Reduzierung des Fleischkonsums positive Effekte auf das Klima hat, notwendig ist um gegen die Nahrungsmittelknappheit auf der Südhalbkugel vorzugehen etc. pp. Die Gegner der Policy verweigern sich einer Beschäftigung mit diesen Argumenten. Sie behaupten, dass es sich bei der Wahl der Speisen um eine rein individuelle Entscheidung handele. Jedes Individuum habe persönliche Gründe, die moralisch, unmoralisch oder amoralisch sein mögen, wissenschaftlich haltbar oder nicht – wie auch immer – in jedem Fall seien alle individuellen Gründe als gleichwertig anzusehen. Wenn also beispielsweise Raik argumentiert, dass ihm das Schnitzel aus Massentierhaltung einfach schmecke und darüber hinaus der Preis stimme, dann sei dieses Argument genauso zu akzeptieren wie das von Conny, die unzählige wissenschaftliche Studien zu den negativen Auswirkungen der Fleischproduktion gelesen hat und sich daraufhin aus moralisch integeren Gründen entschieden hat, nur noch ein Schnitzel die Woche zu essen. Da aber nun die meisten Studierenden dem Typ Raik zuzuordnen seien (das beweise die empirisch zu beobachtende lange Schlange an der Schnitzeltheke) müsse das Essensangebot eben so bleiben wie es ist. Wissenschaftliche Evidenz und moralische Gründe hin oder her.

Damit scheitern logischerweise alle Versuche, eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu finden. Die Gegner sehen die Mensapolicy als unzulässige Einmischung in Privatangelegenheiten, die Befürworter hingegen möchten den Fleischkonsum als eine politische und damit öffentliche Frage verstanden wissen. Dies ist der entscheidende Punkt. Er zeigt, dass es um mehr als eine Kleinigkeit geht. Die Diskussion um die Mensapolicy steht stellvertretend für einen sich immer stärker abzeichnenden globalen und gesellschaftlichen Großkonflikt. Wenn die Ressourcen der Erde begrenzt und übernutzt sind, dann leben Menschen, die einen überdurchschnittlichen Teil dieser Ressourcen nutzen, auf Kosten anderer. Ein Beispiel: Der durch die Industrieländer verursachte Klimawandel führt bereits heute zu Dürren und Hungersnöte und das gerade in Ländern, die nur einen minimalen Anteil an der Produktion von Treibhausgasen haben. Unseren Lebensstil in Deutschland können wir also nur aufrecht erhalten, indem wir Ressourcen nutzen, die damit anderen Menschen nicht mehr zur Verfügung stehen. Klimawandel und Umweltschutz sind vor diesem Hintergrund Fragen, die sehr eng mit Gerechtigkeitsfragen verknüpft sind. Unser Lebensstil (und da sind wir wieder beim Fleischkonsum) wird somit von den Befürwortern der Mensapolicy mit der Frage nach Gerechtigkeit verknüpft und somit genuin politisch. Das macht die Radikalität aller umweltpolitischen Ansätze aus, die individuelle Verhaltensänderungen fordern: Unsere individuelle Lebensführung (Lebensstil, luxuriöses vs. asketisches Konsumverhalten, Mobilitätsverhalten, Ernährung) soll nun keine Privatangelegenheit mehr sein, sondern eine politische Frage. Mit dem Klimawandel wird die Frage nach dem Politischen im Privaten vielleicht so radikal gestellt wie nie zuvor.

Eine (vermutete) Einmischung (von wem auch immer, insbesondere aber natürlich staatlicher Institutionen) in die private Lebensführung aber muss jeden überzeugten Liberalen auf die Barrikaden treiben. Die Aufregung der Policy-Gegner ist genau vor diesem Hintergrund zu verstehen und zeigt sich in den Internetforen, in denen die Hauptargumente “Diktatur” und “Empfehlungszwang” lauten und den Befürwortern eine “sozialistische Argumentation” unterstellt wird.

Die Geschichte lehrt uns (und sollte auch die Initiatoren von Mensapolicy und Veggie-Day lehren), die hier zum Vorschein kommenden Ängste vor paternalistischen Eingriffen staatlicher Institutionen sehr ernst zu nehmen. Gleichzeitig aber können sich die Gegner der Policy nicht länger auf ihr Freiheits-Argument zurückziehen und die überwältigende wissenschaftliche Evidenz der Argumente der Umweltaktivisten schlicht ignorieren.

Wie können die beiden wichtigen Anliegen zusammengebracht werden? Ich bin weit davon entfernt, hier eine einfache Antwort auf diese hochkomplexe Frage parat zu haben. Im Gegenteil: Der skizzierte Konflikt zwischen individueller Handlungsfreiheit und globaler Verantwortung bedarf dringend des öffentlichen Diskurses.

Und an dieser Stelle irren die Gegner von Mensapolicy und Veggie-Day. Denn vergleichen wir die Argumentationen von Gegnern und Befürwortern, so dominiert auf Seiten der Gegner der Mensapolicy eindeutig ein technokratisches Verständnis, während die Befürworter die Diskussion in der Öffentlichkeit und demokratischen Gremien bevorzugen. In fast allen Kommentaren der Policy-Gegner wird den demokratisch verfassten studentischen Gremien die Legitimation abgesprochen. Der StuRa vertrete nicht die Mehrheit der Studierenden, die Entscheidungen im StuRa ließen sich nicht “linear auf die gesamte Studierendengemeinschaft projizieren”. Dieses Denkmuster wird auf die Ermittlung des Essensangebotes in der Mensa übertragen. Die perfekte Mensa würde demnach exakt die Präferenzen der Studierendenschaft kennen und ihr Angebot an nichts anderem als diesen Präferenzen ausrichten. Die repräsentative Umfrage ist damit das Mittel der Wahl um Entscheidungen über das Essensangebot zu treffen. Hier zeigt sich ein extrem verkürztes Demokratieverständnis. Es ist nicht Aufgabe politischer Gremien wie des StuRa, exakt die (als konstant und partikular angenommenen) Präferenzen der Studierendenschaft zu ermitteln und “widerzuspiegeln”. Vielmehr bilden sich Werte und Einstellungen erst im Prozess der politischen Willensbildung und aktiven politischen Partizipation. Erst im Diskurs können Argumente ausgetauscht, Meinungen gebildet und Menschen befähigt werden, ihre Vernunft einzusetzen und nach Gründen zu entscheiden.

Die Mensa ist nicht der heimische Küchentisch. Was, wie viel, mit welchen Zutaten, wie häufig, zu welchen Preisen, an welcher Theke, wie dargeboten und verkauft wird ist eine Frage, die die (studentische) Öffentlichkeit betrifft und politische diskutiert werden darf. Wenn sich an dieser Frage der Konflikt um das rechte Maß von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung entzündet – um so besser! Eine offene Universität zeichnet sich eben dadurch aus, hochaktuelle gesellschaftspolitische Themen offensiv zu diskutieren. Ich hoffe daher nicht (wie die Verfasser der Petition gegen den Veggie-Day), dass dieser “die letzte Aktion dieser Art egal für welche Ernährung gewesen ist.” Freiheit ist nicht nur die Freiheit Fleisch zu essen, sondern auch die Freiheit der Gesellschaft, problematische Institutionen zu diskutieren und gegebenenfalls zu korrigieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.