Sozialwissenschaftliche Kategorien I

Wie hier angekündigt, beschäftige ich mich in einer Reihe von Postings kritisch mit Teilen der aktuellen Sozialwissenschaften. Nämlich solcher, die allgemein als “positivistisch” bezeichnet werden kann und von sich in Anspruch nimmt, — analog zu den Naturwissenschaften — allgemeingültige Gesetze (heute auch gerne: “Mechanismen”)
herausarbeiten zu wollen. In weiten Teilen kann die Sozialwissenschaft, die einen solchen Anspruch erhebt, gleichgesetzt werden mit quantitativer Forschung, die Zusammenhänge mit Hilfe statistischer Methoden untersucht.

Positivistische und hermeneutische Ansätze

Es geht also um den alten Streit zwischen positivistischen und historisch-hermeneutischen Wissenschaften, der — inzwischen selbst historisch geworden — in Deutschland unter dem Label “Positivismusstreit” ausgetragen, aber nie zu Ende diskutiert wurde. Bis heute gilt, was Jürgen Habermas bereits 1967 (Erstveröffentlichung) feststellte: Continue reading

“evidenzbasiert”

Die Nachfrage nach evidenzbasierter Forschung

In einer Gesellschaft, die als immer unsicherer, “kontingenter” beschrieben, mit Diagnosen wie “Risikogesellschaft” (Ulrich Beck) belegt wird und in der Gott als letztbegründende Instanz verschwunden ist (Günter Dux), hat die Wissenschaft die Aufgabe übernommen, sichere Antworten zu geben. Mein Vater (Realschullehrer) erwartet von der Bildungsforschung, dass sie ihm endlich sagt, welche Unterrichtsmethode die für seine Schüler geeignete ist und eine Freundin (Psychologin) erhofft sich, dass die evidenzbasierte Psychologie ihr sagt, welche Therapie für welchen Patienten die geeignete ist. Diese Wünsche sind höchst nachvollziehbar.

In der Moderne verlässt sich der Mensch nicht mehr auf seine Intuition oder restriktive Normen (Rohrstock in der Schule und Elektroschock in der Psychatrie) sondern auf die Wissenschaft. “Evidenzbasiert” ist ein gesellschaftswissenschaftlicher Modebegriff. Die “evidenzbasierte” arbeitende Sozialwissenschaft hat sich auf die Fahnen geschrieben, genau dieses gesicherte Wissen liefern zu können. Kein Wunder, dass die Nachfrage immens ist. Continue reading